
Am 30. Januar ist das nächste Punktspiel der Basketballer von TuS Elbingerode. Und in der modernen Halle der Harzstadt wird wieder die Hölle los sein. So wie bei allen Heimspielen der letzten Monate. Ein Grund dafür, dass das "körperlose Spiel" zum Zuschauermagneten geworden ist, dürfte ein Spieler sein, der seit September einen Korb nach dem anderen wirft. Everage Richardson wurde aus den USA verpflichtet. Für die 7. Liga.
Elbingerode. Er dribbelt, fintiert, täuscht links und rechts, tippt dabei die 600 Gramm schwere Kugel mal mit der einen, mal mit der anderen Hand auf, dreht sich um die eigene Achse. Dann nimmt der mit 1,91 Metern für einen Basketballspieler nicht sonderlich große, aber sprungkräftige Afroamerikaner Anlauf, hebt ab und knallt den Ball von oben in den gut drei Meter über dem Hallenboden hängenden Korb.
Everage Richardson, die "schwarze Perle", wie er von seinen Fans genannt wird, ist der Star von TuS Elbingerode, und er fühlt sich in der Harzstadt sichtlich wohl. Auf dem Parkett genauso wie unter den Menschen. Geholt hat ihn Holger Neubert, in einer Person Spielertrainer, Abteilungsleiter der Basketballer, Hauptsponsor und Apotheker im 6000-Einwohner-Ort.
"Was mir da aus Deutschland erzählt wurde, klang o.k."
"Wir wollten uns spielerisch verstärken", erzählt Neubert den Beginn der Harzer Erfolgsgeschichte. "Da habe ich mich mal im Internet informiert, habe mit einigen Spielervermittlern gesprochen und bin so auf den Namen Richardson gestoßen."
Kurz entschlossen rief der Apotheker im Sommer vergangenen Jahres in New York an. Und war selbst überrascht, dass der 23-Jährige sofort zusagte. Richardson:" Was mir da aus Deutschland erzählt wurde, klang ganz o.k. Zumindest war ich neugierig geworden."
Doch war das nur eine Seite der Medaille. Zum schnellen Entschluss habe auch beigetragen, dass er ohne Vertrag dastand." Ich bin falsch beraten worden. Ich habe das eine oder andere Mal zu hoch gepokert und hatte zuletzt gar nichts. Ich hatte mit mir selbst ausgemacht: Das nächste vernünftige Angebot nimmst du an. "
Dass TuS nur in der 7. Liga spielt, habe ihn in keiner Weise abgeschreckt. Andere US-Spieler, mit denen Neubert zuvor gesprochen hatte, waren da nicht so locker. Die meisten hatten abgewinkt. Richardson : " ch habe das mehr als Chance gesehen, mit einem Team aus dem Keller Schritt für Schritt nach oben zu steigen."
Die Voraussetzungen dafür sind sehr günstig, stehen die TuS-Basketballer doch auf dem ersten Tabellenplatz, drei Punkte vor Magdeburg. Läuft der neue Mann mit dem Logo der Bodfeld-Apotheke auf dem Spielershirt auf, schlägt ihm Respekt entgegen.
"Ich bin glücklich und zufrieden hier", sagt der Mann, der sich inzwischen mit durchschnittlich knapp 50 Punkten pro Spiel in der 7. Liga zum "Top-Scorer" gemausert hat. "Sportlich läuft alles." Natürlich sei sein Traum, einmal auch in einem Superverein der höchsten Liga zu spielen. "Gern in Deutschland. Aber am liebsten natürlich bei mir zu Hause. Doch da gibt es wahnsinnig große Konkurrenz", schätzt er seine Chancen realistisch ein.
Für den Mann, der aus Brooklyn kommt, ist Elbingerode natürlich ein Dorf. Aber ein liebenswertes. "Alles ist hier entspannter, als bei mir zu Hause." In seiner Einraumwohnung mit Küche und Bad hat er sich eingerichtet. "Ich trainiere beinahe täglich – außer sonntags. Und freitags kümmere ich mich um den Basketball-Nachwuchs." Für ihn sei diese Übungsstunde etwas ganz Besonderes. " indern etwas Sportliches beizubringen, hat etwas." Er selbst habe mit sieben, acht Jahren das erste Mal einen Basketball in der Hand gehabt. "Seriös gespielt habe ich dann mit zehn Jahren." Wie in Deutschland in jedem Wohngebiet ein Spielplatz mit Rutsche und Wippe, gebe es in New York an fast jeder Ecke einen umgitterten Basketballplatz. "Dort machen künftige NBA-Stars (amerikanische Basketball-Liga, d. Red.) ihre ersten Schritte."
Wenn Richardson nicht in der Sporthalle am Rande der Harzgemeinde ist, chattet er mit seiner Familie und mit Freunden in den USA. "Natürlich schreibe ich, was hier so alles abgeht. Meine Leute wissen nicht besonders viel über Deutschland."
Er räumt ein, dass ihm das vor seiner Dienstreise in den Harz ebenso ging. "Europa ist weit weg." Gesehen von Deutschland habe er bisher fast nur das, was auf dem Weg zu Auswärtsspielen an ihm vorbeirauschte. "Nur Wernigerode habe ich mir genauer angesehen. Ich liebe diese Stadt mit ihren schönen alten Häusern."
Auch die Mädchen in Elbingerode gefielen ihm. "Leider spricht kaum eine Englisch", bedauert er, "darum ist es schwer für mich, mit einer Frau ins Gespräch zu kommen."
"Relaxing", Ausruhen, das ist seine liebste Freizeitbeschäftigung. Filme ansehen und Musik hören. Er schwärmt für Hip-Hop, speziell für die Gruppe OMB.
"Abenteuer Deutschland noch bis zum März"
Hauptsponsor Holger Neubert, der sich dezent zurückhält, wenn es darum geht, damit herauszurücken, wieviel ihn die " schwarze Perle " kostet, hat zwei Träume: Den Aufstieg und noch einen oder zwei Amerikaner zu verpflichten. "Nur ein Gedankenspiel", stapelt er tief. Doch Freunde wissen ganz genau, dass er schon seine Angel ausgeworfen hat. Und auch der Farbige kann sich Verstärkung an seiner Seite gut vorstellen.
Bis zum März wird das "Abenteuer Deutschland" wie er seinen Vertrag mit TuS nennt, noch dauern. Doch mit der Option, noch ein Jahr anzuhängen. Am 30. Januar kommt erst einmal der BC Anhalt-Dessau in den Harz. Für den Top-Scorer kein Angstgegner.
Quelle: Volksstimme / von Bernd Kaufholz